Home-Office: Fluch oder Segen?

«Corona ist eine ernstzunehmende Sache. Nach Meeting-Schluss arbeitest Du umgehend und bis auf Weiteres von Zuhause aus.» 

Das waren Ende Februar die Worte meines Chefs, als die Corona Krise auch die Schweiz erreichte. Leise vor mich hin pfeifend packe ich also meine sieben Sachen, stelle sicher, dass mein Tablet funktioniert und bin einige Stunden später bereits im Home-Office eingerichtet. 

An der ersten Sitzung mit mir selbst wird entschieden, dass eine Umstellung der Arbeitsuniform angebracht ist. Von Business Casual wird auf Tenue légère umgestellt. Yoga Pants, grauer Schlabberpullover und pinke Lama Socken sind der neue Home-Office Trend. Mein Outfit sitzt, die Arbeitsmoral ist hoch. Keine Ablenkungen durch Kaffeekränzchen. Ich bin eine Maschine, brauche keine sozialen Kontakte und arbeite effizient und zielorientiert. Tatsächlich beantworte ich meine E-Mails in Windeseile. So produktiv war ich noch nie. Am Ende der ersten Woche bin ich mir sicher: Home-Office ist das Zukunftsmodell und es wird sich durchsetzen. Sogar mein Chef – bisher ein Home-Office Kritiker – gibt am Telefon ganz neue Töne von sich und findet dieses Modell gar nicht mehr so abwegig. In meinem Kopf spielt sich eine Arbeitsplatz-Revolution ab: Business Attire gilt nur noch bei Videokonferenzen und lediglich für die Körperbereiche, welche in der Kamera sichtbar sind. Ansonsten bleiben meine «just do it» Yoga Pants weiterhin an der Tagesordnung.

Die zweite Woche bricht an und meine Home-Office Euphorie flacht ab. Die Kaffeepausen mit mir selbst sind nicht ganz so unterhaltsam und informativ wie im Geschäft und es ist keiner da, der über meine Flachwitze lacht oder sich darüber aufregt. Ehrlich gesagt gibt es plötzlich auch nicht mehr viel zu Lachen. Der 16. März schickt die Schweiz in den Lockdown. Über den Rand meines Notebooks grinsen mich meine pinken Lama Socken an und ich lese online von der Mobilisierung der Schweizer Truppen, dem Veranstaltungsverbot und dass Läden und Grenzen geschlossen werden. Diese dramatische Wendung hätte ich nicht erwartet. Es folgt die WC-Papier Knappheit, welche die Schweizer Bevölkerung beschäftigt und ich muss ein neues Büro-Gspänli begrüssen. Meine bessere Hälfte wird ins Home-Office verbannt. Er schlüpft vom Anzug in den Trainer und das schlechtsitzende T-Shirt. Wir sitzen beide im Partnerlook da und meine Home-Office Euphorie bekommt wieder Aufschwung.

Anscheinend war ich aber bereits zu lange allein – er macht mich darauf aufmerksam, dass ihn meine Selbstgespräche vor dem Bildschirm stören. Ist es für mich schon zu spät? Hätte ich mir wie Robinson Crusoe auch einen Wilson fabrizieren sollen?

Eine aus der Steinzeit stammende Rollenverteilung schleicht sich in unseren Alltag ein. Er wird zum Jäger und geht trotz des unsichtbaren Feindes in die Wildnis, kauft Lebensmittel ein und bringt sie stolz nach Hause. Ich zaubere mit seiner Ausbeute die Corona-Trend-Menüs 2020.

Tatsächlich wird es eine Seltenheit, dass es alle Lebensmittel auf der Einkaufsliste nach Hause schaffen. Die Regale sind meistens leer. «Bleibt zu Hause» lautet die Devise für die Schweizer Bevölkerung. Wir folgen den Anweisungen, um einerseits uns und andererseits aber auch die Risikogruppen zu schützen. Es folgt eine wochenlange Isolation. Familie und Freunde treffen wir nicht mehr. Unsere Arbeitsproduktivität kommt an ein Limit. Der Feierabend und die Freizeit verschmelzen, wir vergessen oft welcher Tag es ist und es beschleicht uns das Gefühl, sämtliche YouTube und Netflix Inhalte bereits zweimal gesehen zu haben. Über Skype und Zoom halten wir unsere sozialen Kontakte aufrecht. Wenigstens bringen uns die eingefrorenen Gesichter bei Videokonferenzen immer wieder zum Lachen.

Am 27. April folgt die erste Lockerung, was uns als balkon- und gartenlosen Mietern nicht viel bringt. Die zweite Lockerung am 11. Mai ist für uns spannender. Die Strassen scheinen jedoch noch nicht zu ihrer ursprünglichen Lebhaftigkeit zurückgekehrt zu sein. Die Tage werden immer monotoner und der anfänglich gefeierte Home-Office Segen mutiert zum Fluch. Wir wünschen uns unseren Alltag zurück: Der Arbeitsweg, die nervigen ÖV-Reisen und unsere Arbeitskollegen fehlen uns. Unserem Wunsch wird schrittweise Rechnung getragen und langsam dürfen wir tageweise wieder ins Office. Viele tragen Masken, halten Abstand und es herrscht eine andere Atmosphäre. Diese Form von sozialem Austausch tut gut und ist besser als die wochenlange Isolation. Ich starte den Bildschirm im Büro, schaue die vertrocknete Pflanze in der Ecke an und höre die Mitarbeiter in der Kaffeepause über eine «zweite Welle» diskutieren. Ich werde mir meinen Kaffee später holen. Für heute habe ich genug über Corona nachgedacht. 

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